WARUM DIE WEITSICHT DIE FOKUSSIERUNG SCHLÄGT

„ES LEBE DER GENERALIST! – Warum gerade sie in einer spezialisierten Welt erfolgreicher sind“

Der Journalist und Bestsellerautor David J. Epstein hält nichts von Spezialisierungsdruck. Die Weitsicht schlägt den frühen Fokus.

Viele Experten und Persönlichkeitstrainer sind der Meinung, Spezialisierung sei der Schlüssel zum Erfolg. Um bestimmte Fähigkeiten, Sportarten oder andere Themengebiete zu beherrschen, müsse man früh anfangen und lange üben. Bestsellerautor David J. Epstein analysiert in seinem Bestseller „Es lebe der Generalist!“ unterschiedliche Top-Performer in Wirtschaft, Sport und Wissenschaft. David erläutert warum Ausnahmekünstler wie Vincent van Gogh oder Golfikone Tiger Woods eher Ausnahmen sind. Die Regel ist der Generalist, also jemand, der in seinen Interessen nicht auf ein bestimmtes Gebiet festgelegt ist. Der Generalist legt vielleicht später los, ist dafür aber meist kreativer, agiler und mit einem Blick über den Tellerrand ausgestattet und hat damit letztlich mehr Erfolg.

Der Autor von „Es lebe der Generalist!“  (im Original heißt das Buch „RANGE“) ist davon überzeugt, dass diejenigen Erfolg haben, die sich weigern, sich zu spezialisieren. Da sie in der Lage sind, Dinge aus einer weitsichtigeren Perspektive zu betrachten.


   


Malcolm Gladwell beschreibt in seinem Buch „Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“ ausführlich die „10.000-Stunden-Regel“. Die Grundidee dahinter ist ganz einfach: Wenn man Experte in etwas werden will, braucht man etwa 10.000 Stunden bewusste Praxis. So wurden die Beatles zu den Beatles, Bill Gates zu einem Computergenie und Mozart zu einem der größten Komponisten der Geschichte.

Es spielt keine Rolle, wie alt du bist. Was zählt, ist die Anzahl der Stunden, die du investierst.

Mozart zum Beispiel galt mit 6 Jahren als Wunderkind. In Wirklichkeit war er aber kein Wunderkind, sondern hatte in seinen jungen Jahren bereits unendliche Stunden am Klavier verbracht. Weitaus mehr wie manche Profis in ihren ersten 20 Jahren aufweisen können.

Laut David Epstein ist dies jedoch nicht der effektivste Weg, um in der heutigen Welt erfolgreich zu sein. Obwohl auch er der Meinung ist, dass es von Zeit zu Zeit funktioniert, einen Vorsprung durch Erfahrung zu bekommen und sich auf etwas zu spezialisieren, macht es in den meisten Fällen tatsächlich keinen großen Unterschied.

Ein sehr gutes Beispiel liefern zwei Geschichten aus der Welt des Sports. Vielleicht kommen dir die Jungs aus den Geschichten ja bekannt vor.

Geschichte von „Junge Nr. 1“

In einer amerikanischen TV-Show zeigte Junge Nr. 1 bereits mit 2 Jahren sein Talent. Mit einem Golfschläger der ihm bis zu den Schultern reichte, puttet er mit Leichtigkeit einen Ball nach dem anderen. Im selben Jahr nahm er an seinem ersten Turnier teil und gewann gegen Kinder, die viel älter waren als er. Schon im darauffolgenden Jahr konnte Junge Nr. 1 aus einem „Sandbunker“ herausspielen und erzielte Ergebnisse, von denen viele ältere Golfer träumen.

Im Alter von 8 Jahren schlug der Junge zum ersten Mal seinen Vater, obwohl dieser selbst ein hervorragender Sportler war. Dem Vater war das egal. Er wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass sein Sohn „der Auserwählte“ war. Er hatte nicht nur das Talent, sondern er hatte auch den Vater, der ihn zur Größe führen würde.

Geschichte von „Junge Nr. 2“

Die zweite Geschichte betrifft eine ganz andere Art von Jungen. Die Mutter von Junge Nr. 2 war Trainerin, aber sie hat ihn nie selbst trainiert. Tatsächlich hatte er im Grunde genommen eine ziemlich normale Kindheit, er versuchte sich in sämtlichen Sportarten. Von Basketball und Handball bis hin zu Fußball und Tischtennis. Auch Skifahren, Schwimmen, Ringen und Skateboarden blieben nicht aus.

Eines Tages entdeckte er, dass er vor allem Sportarten mochte, zu denen ein Ball gehörte. In seinen Teenagerjahren begeisterte er sich immer mehr für Tennis. Er spielte gut, aber stets ohne Zwang. Während andere Talente in seinem Alter ausgiebig gefördert wurden und mit eigenen Krafttrainern, Sportpsychologen und Ernährungswissenschaftlern zusammenarbeiteten, machte ihm der Sport einfach nur Spaß. Nebenher spielte er weiterhin Fußball und verbrachte viel Zeit mit anderen Dingen.

Auf lange Sicht spielte dies aber keine Rolle. Genau wie das Kind aus der ersten Geschichte wurde auch er der Größte seiner Sportart.

Junge Nr. 1 trifft auf Junge Nr. 2

Jahre später trafen sich diese zwei Jungs zum ersten Mal. Sofort entstand eine Bindung unter Gleichgesinnten. „Ich habe noch nie mit jemandem gesprochen, der mit dem Gefühl, unbesiegbar zu sein, so vertraut war“, beschrieb Junge Nr. 2 später diese Begegnung.

Er war sich jedoch auch der Unterschiede zwischen den beiden bewusst.

„Seine Geschichte ist völlig anders als meine“, fügte er hinzu. „Schon als Kind war es sein Ziel, den Rekord für den Gewinn der meisten Majors zu brechen. Ich träumte nur davon, Boris Becker zu treffen oder irgendwann einmal in Wimbledon zu spielen“.

Und in der Tat. Obwohl der Erfolg von Junge Nr. 2 angesichts seiner Anfangszeit alles andere als vorhersehbar war, dominierte er zum Zeitpunkt dieses Treffens seine Sportart mindestens ebenso wie Junge Nr. 1.

Wie hat er es geschafft? War es gegen alle Wahrscheinlichkeit? Oder steckt da mehr dahinter?

Tiger gegen Roger, oder auch Spezialist gegen Generalist

Inzwischen weißt du, von welchen Jungs die Rede ist: Tiger Woods und Roger Federer.

Für David Epstein sind sie viel mehr als nur bekannte Namen, viel mehr als dominante Sportler, viel mehr als die dominantesten Athleten des 20. Jahrhunderts. Sie sind Symbole zweier sehr unterschiedlicher Lebensphilosophien und zweier sehr unterschiedlicher Erziehungsansätze.

Tiger Woods ist der akribische Spezialist, der unbestreitbare Beweis für die These von Gladwells 10.000-Stunden-Regel. Tiger bestätigt, dass die Quantität der bewussten Praxis über den Erfolg entscheidet und man daher, so früh wie möglich mit etwas beginnen sollte, wenn man darin der Beste werden will.

Roger Federer hingegen ist der typische Generalist. Er hat sich erst als Teenager auf Tennis festgelegt. Im Gegensatz zu Tiger Woods hatten tausende von Kindern einen Vorsprung auf Roger. Aber aus irgendeinem Grund schaffte es keines von ihnen, die Nummer 1 im Tennis zu werden.

Niemand würde es dir verübeln, wenn du jetzt sagst: „Rogers Geschichte ist die Ausnahme“. Aber, ob du es glaubst oder nicht, die Geschichte von Tiger ist die Ausnahme!

 

ES LEBE DER GENERALIST!
Roger Federer probierte sich unter anderem im Basketball, Handball, Tennis, Tischtennis, Badminton, Ringen und Fußball.

 

Der Roger-Pfad ist weit verbreiteter als der Tiger-Pfad. Aber die Geschichten dieser Athleten kommen meistens zu kurz.

Oder hast du schon mal etwas von Ester Ledecká, gehört? Sie holte als erste Frau überhaupt Gold in zwei verschiedenen Sportarten (Skifahren und Snowboarden). Und dies bei den selben Olympischen Winterspielen.

Aber auch erfolgreiche und bekannte Sportler wie der Basketballer LeBron James, oder die Footballer Tom Brady und Nick Foles, waren außergewöhnlich erfolgreich in mindestens einer anderen Sportart.

Existieren solche Beispiele nur im Sport, oder sind diese auch anderswo zu finden?

Klein gegen Kahneman, oder auch Erfahrung gegen Leistung

Um diese Fragen zu beantworten, sollten wir uns vielleicht den Erkenntnissen von Gary Klein und Daniel Kahneman („Schnelles Denken. langsames Denken“)  zuwenden. Zwei Pioniere in der Erforschung der menschlichen Entscheidungsfindung.



 

Beide hatten sich jahrelang mit der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Erfahrung und Leistung beschäftigt, aber seltsamerweise kamen sie zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Klein studierte Feuerwehr- und Marinekommandanten und stellte fest, dass zwischen 80 und 95 Prozent ihrer Entscheidungen „instinktiv und in Sekundenschnelle“ getroffen werden.

Seine Untersuchungen ergaben, warum und wie dies geschieht. Ob Feuerwehrleute oder Marinekommandeure, diese Menschen sind erfahren genug, um wiederholende Muster zu erkennen. Somit sind sie in der Lage, schnell und sicher eine Entscheidung zu treffen. In der Regel ist dies die erste, die ihnen in den Sinn kommt.

Daniel Kahneman machte jedoch eine durchaus andere Erfahrung. Abseits von Mustern. Als junger Leutnant in der Psychologieeinheit der israelischen Armee, stellte er fest, dass weder er noch seine Kollegen in der Lage waren, einen Offiziersanwärter richtig einzuschätzen. Egal wie oft sie es versuchten.

Selbst nach Jahren der Beurteilung waren sie immer noch kaum besser als ein durchschnittlicher Mensch, der blind rät. Die Erfahrung machte sie nicht besser als Anfänger. Die Laufbahn eines Anwärters ließ sich nicht voraussagen. Es gab kein Muster.

Wer hatte also Recht? Klein oder Kahneman? Macht Erfahrung einen zwingend besser, oder hat sie ab einem bestimmten Punkt keine Wirkung mehr?

Freundliche Lernumgebung gegen unfreundliche Lernumgebung

Um diese Frage zu entschlüsseln, arbeiteten Kahneman und Klein im Jahr 2009 gemeinsam an einer Lösung. Sie kamen zu folgender Schlussfolgerung.

Ob Erfahrung unweigerlich zu Expertise führt, hängt ganz vom jeweiligen Bereich ab. Viel Erfahrung führte zu besseren Feuerwehrleuten und auch zu erfolgreicheren Schach- und Pokerspielern. Nicht aber zu besseren Vorhersagen hinsichtlich finanzieller oder politischer Trends oder der Leistung von Angestellten.

Im Wesentlichen werden Spezialisten mit Erfahrung nur in Lernumgebungen besser, in denen sich Muster immer und immer wieder wiederholen. Diese werden als „freundliche Lernumgebung“ bezeichnet. Auch wenn ich den Arbeitsplatz beim Einsatz eines Feuerwehrmannes nicht als freundlich beschreiben würde. Dennoch handelt es sich um ein bewusstes Lernen nach dem Trial-and-Error-Prinzip (Versuch und Irrtum).

Wenn du im Poker oder im Schach einen Fehler machst, weißt du, dass du einen Fehler gemacht hast. Beim nächsten Versuch wirst du diesen Fehler vermeiden oder ihn korrigieren. Wenn du dies jahrelang wiederholst, wirst du zum Experten.

Der Grund, warum beim Golf Erfahrung wichtig ist, liegt darin, dass das Spiel eine freundliche Lernumgebung bietet. Mit anderen Worten, es wiederholt sich und das Feedback ist äußerst präzise. Schlägst du zu schwach, erreicht der Ball nicht das Loch. Folglich solltest du den Ball beim nächsten Mal stärker schlagen.

Das funktioniert jedoch nicht, wenn du Chirurg, Psychologe oder Dichter bist. Es gibt keine erkennbaren sich wiederholenden Muster, und das Feedback ist langsam. Übung und Erfahrung helfen in diesen Fällen wenig. Du befindest dich in einer unfreundlichen Lernumgebung.

Weder in der Politik noch in der Finanzwelt lässt sich das Trial-and-Error-Prinzip ohne erheblichen Schaden anwenden. Zuverlässige Vorhersagen lassen sich in diesen Bereich kaum treffen. Fehler werden erst zu spät erkannt und es gibt kaum Muster, nach denen sich aufgetretene Fehler korrigieren lassen. Das gleiche gilt zum Beispiel auch im Personalwesen. Wann merkt man denn, dass man sich für den falschen Kandidaten entschieden hat? Nach welchem Muster sollte man jetzt neu einstellen?



Was können wir aus diesen Erkenntnissen lernen

Die Spezialisierung ist so gut wie überholt. In den meisten Bereichen in denen Spezialisierung funktioniert, werden Menschen wahrscheinlich in naher Zukunft durch Roboter ersetzt. 

Ein Computer kann das Schachspiel besser lernen als jeder Mensch, aber er hat Schwierigkeiten zu lernen, wie man ein schönes Gedicht schreibt.

Roboter können Menschen in einer lernfreundlichen Umgebung ersetzen, aber lernunfreundliche Umgebungen sind nur für Menschen.

Ein viel besserer Weg, um in der Welt von morgen etwas zu erreichen, besteht darin, sich breit aufzustellen. Im besten Fall wirst du zu einem Alleskönner.  

Probiere alles aus, von Mathe und Physik bis hin zu Tanz und Gitarrenspiel! Der ungeordnete Weg des Experimentieren zahlt sich auf lange Sicht aus.

Es ist kein Zufall, dass wissenschaftliche Nobelpreisträger mit 22-mal höherer Wahrscheinlichkeit eine künstlerische Tätigkeit außerhalb ihres Fachgebiets ausüben als ihre weniger anerkannten Kollegen!

Teste und erprobe also neue und andere Dinge. Schaffe neue Produkte. Kreiere neue Ideen. Je mehr du produzierst, desto größer ist die Chance, dass du einen Blindgänger produzierst, aber auch umso größer ist die Chance auf das nächste große Ding. Oder wie glaubst du wurde das Internet erfunden?

Auch wenn der Beitrag ausführlicher geworden ist, wie ich das eigentlich geplant habe, würde ich dir dennoch empfehlen, das beschrieben Buch „Es lebe der Generalist!: Warum gerade sie in einer spezialisierten Welt erfolgreicher sind“ selbst zu lesen. Wenn du nicht gerne liest, dann gönne es dir als Hörbuch bei audible. Du hast noch keinen audible Account? Dann teste diesen doch unverbindlich für 30 Tage und profitieren von einer Vielfalt an top Hörbüchern. Egal ob beim Sport, auf dem Weg zur Arbeit oder bequem Zuhause, Zeit für ein paar Minuten Hörgenuss findet sich immer. 

Ich würde mich freuen, wenn du diesen Beitrag in den Sozialen Medien teilen würdest. Vielen Dank.

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