SCHNELLES DENKEN, LANGSAMES DENKEN

Die Dicke des Buches hat mich zuerst etwas abgeschreckt und daher lag der Brocken auch erstmal eine Weile auf dem Nachttisch. Doch kaum habe ich damit begonnen das Buch zu lesen, hat es mich auch schon in seinen Bann gezogen. Schnell wurde mir bewusst, dass der Nachttisch der falsche Ort ist für diese anspruchsvolle Literatur. „Schnelles Denken, langsames Denken“ sollte mit voller Aufmerksamkeit und vor allem langsam gelesen werden. Das Buch gibt einen detaillierten Einblick wie wir denken. Es zeigt die Schwachpunkte auf, die beim intuitiven Denken bestehen und wie wir diese erkennen können.

Das Buch hat über 600 Seiten und es ist daher unmöglich, den Inhalt in einem Beitrag zusammenzufassen. Doch das ist auch gar nicht mein Ziel, denn dieses Buch solltest du unbedingt selbst lesen. Ich möchte dir hiermit nur eine Idee geben um was es bei dem Buch geht und dies an einigen Beispielen darstellen.

„Kahnemann schildert die vielen Illusionen, auf die wir hereinfallen beim Versuch, mit dem Verstand die Welt zu erfassen. Sein Buch ist voller schönem Zweifel, voller Geschichten, die unsere Wahrnehmungen in Frage stellen, es ist ein begeisternd pragmatisches Buch.“
Georg Diez

Wie einfach manipulieren geschickte Händler unsere Einschätzung und bringen uns so dazu, höhere Preise zu zahlen, wie eigentlich angemessen? Wie oft lassen wir uns von Illusionen und mangelnden Informationen in eine falsche Richtung lenken? Vor allem die Medien haben hier eine große Wirkung auf unser Denken. Menschen neigen dazu, die relativen Bedeutungen von Problemen danach zu urteilen, wie leicht sie sich aus dem Gedächtnis abrufen lassen. Diese Abrufleichtigkeit wird weitgehend von dem Ausmaß der Medienberichterstattung bestimmt. Häufig erwähnte Themen ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich, während andere aus dem Bewusstsein verschwinden. Dadurch kommt es zu Fehleinschätzungen und einer verzerrten Urteilsbildung.

„Schnelles Denken, langsames Denken“ besteht insgesamt aus fünf Teilen in denen Daniel Kahnemann die Unterscheidung zwischen den zwei Arten des Denkens ausführlich erläutert. Das schnelle, instinktive und emotionale System 1 und das langsamere, bewusste und logischere System 2. Das schnelle Denken hat einen größeren und durchdringenderen Einfluss durch seine intuitiven Eindrücke auf unsere Gedanken und unser Verhalten. Deshalb sollten wir uns bewusst sein, dass unsere Entscheidungen häufig eher emotional als rational sind.

Teil 1 – Zwei Systeme

Im ersten Teil des Buches beschreibt Kahneman die zwei verschiedenen Arten und Weisen, in denen das Gehirn denkt. System 1 und System 2.

Anhand von mehreren sehr gut nachvollziehbaren Beispielen erläutert Daniel Kahneman die Unterschiede zwischen den beiden Gedankenprozessen. Es wird deutlich wie unterschiedlich beide Systeme arbeiten und warum beide häufig zu verschiedenen Schlüssen kommen. Das intuitive und impulsive System 1 ist das dominantere der beiden Systeme. Es urteilt schnell, unbewusst und ruft vorhandene Informationen und Verknüpfungen automatisch ab. Dadurch ist System 1 sehr leicht beeinflussbar und lockt dich schnell auf eine falsche Fährte.

Wie funktioniert schnelles Denken – System 1

Schaue dir das Bild an und du kannst das schnelle Denken deines System 1 in Aktion beobachten.

Ohne groß darüber nachzudenken hast du sofort erkannt, dass auf dem Foto Jürgen Klopp in einer nicht ganz untypischen emotionalen Haltung abgebildet ist. Wahrscheinlich ist dir sofort eine Szene in den Kopf geschossen, in der er genauso reagiert hat. So wie es aussieht regt er sich gerade tierisch auf – wahrscheinlich eine Schiedsrichterfehlentscheidung. Als Sympathisant von Klopp findest du sein emotionales Verhalten und sein authentisches Auftreten super. Bist du Jürgen Klopp gegenüber eher negativ ausgerichtet, dann geht dir sein ständiges Rumgebrülle wahrscheinlich auf die Nerven und beim betrachten des Bildes mischt sich eine Spur Spott in deine Reaktion, weil du der Meinung bist, dass er es immer etwas übertreibt.

Je nach Einstellung werden sich beim Betrachter mehr oder weniger positive oder negative Gefühle, die er mit der Person Klopp verbindet, einstellen. Doch bemerkenswert ist, dass all diese Reaktionen und Gefühle in wenigen Sekunden in dir hochkamen, ohne dass du dich im geringsten anstrengend musstest. Das war System 1. Es hat automatisch begonnen zu arbeiten, als du das Bild betrachtet hast. Mühe hatte es dabei keine. Die nötigen Informationen waren ja bereits vorhanden. Doch kannst du diesen Informationen auch trauen?

WYSIATI = What You See Is All There Is

Wie bereits weiter oben erwähnt, ziehen wir durch impulsives Denken häufig voreilige Schlussfolgerungen. Dies kann zu Fehlbeurteilungen führen. Kann aber auch durchaus sinnvoll sein, wenn es richtig eingesetzt wird. Nämlich dann, wenn die Kosten einer möglichen Fehleinschätzung gering sind, aber du im Gegenzug Zeit und Energie sparst. Du kannst es dir also erlauben, einen Fehler zu produzieren.

Wir glauben gerne Aussagen, die unseren Erwartungen entsprechen. Dadurch unterdrücken wir manchmal System 2 obwohl wir es bereits eingeschaltet haben. Das dominantere System der beiden Systeme, ist System 1. und es macht uns manchmal blind und taub für System 2. Obwohl wir wissen, dass so manches Handeln falsch ist, suchen wir nach Daten und Fakten die unsere gegenwärtige Überzeugung bestätigen.

Die Illusionen der Wahrheit

Eine zuverlässige Methode, Menschen dazu zu bringen, falsche Aussagen zu glauben, ist häufiges Wiederholen, weil Vertrautheit sich nicht leicht von Wahrheit unterscheiden lässt.

Was siehst du, wenn du dir die folgende Abbildung anschaust?

Dein intuitives System, wird dir sofort signalisieren, dass die untere Linie länger ist. Wenn du beide Linien mit einem Lineal nach misst, wirst du aber feststellen, dass beide Linien exakt gleich lang sind. Obwohl du nun weißt, dass beide Linien gleich lang sind, wirst du beim Betrachten des Bildes immer noch davon ausgehen, dass die untere Linie länger ist. Also wirst du die Linie wahrscheinlich erneut nachmessen. Es ist sehr schwer, System 1 vom Gegenteil zu überzeugen.

Wir sind ein Produkt unserer Gedanken. Unsere Gedanken bestimmen unser Handeln und unsere Gefühle. Wenn wir zum Beispiel häufig an das Altern denken und uns mit dem Thema Alter auseinandersetzen, neigen wir zu einem seniorentypischen Verhalten. Wir laufen langsamer und agieren vorsichtiger. Daniel Kahnemann spricht bei diesem assoziativen Denken von Priming.

 

„Sie wurden geprimt, Fehler zu finden, und genau das fanden sie.“

Zusammenfassend beschreiben die folgenden Merkmale System 1

  • Impulsive und intuitive
  • Immer aktiv
  • Unbewusst
  • Stereotypisierend
  • Denken im automatischen Modus
  • Arbeitet schnell und ohne Anstrengung
  • Ohne willentliche Steuerung
  • Assoziativ
  • Zieht voreilige Schlüsse

Wie funktioniert langsames Denken – System 2

Wenn du kein Mathegenie bist, dann wird dir die kommende Aufgabe den Unterschied vom schnellen zum langsamen Denken recht deutlich aufzeigen.

Berechne das Ergebnis der folgenden Aufgabe im Kopf

27  x  43 = ?

Konntest du die Aufgabe sofort und ohne intensives Nachdenken lösen? Wahrscheinlich nicht. Mit der Leichtigkeit und Mühelosigkeit der ersten Aufgabe, das Betrachten eines Bildes, hat das nichts zu tun. Hier wird eine ganz andere kognitive Herangehensweise benötigt. Um diese Aufgabe zu lösen, bedarf es einer gehörigen Portion bewusster Anstrengung. Vielleicht hast du die Aufgabe auch gar nicht gelöst, weil sie dir zu schwer erschien und du die Energie nicht aufbringen wolltest um die Berechnung durchzuführen. Hierzu wäre es nötig gewesen Teilprodukte zu bilden, die Zwischenergebnisse hättest du dir merken und am Schluss alles wieder addieren müssen. Und das im Kopf. Furchtbar aufwendig und anstrengend. Dein System 2 kann genau das leisten – aber es ist faul und muss bewusst aktiviert werden.

20 x 40 = 800

7 x 40 = 280

800 + 280 = 1080

20 x 3 = 60

7 x 3 = 21

60 + 21 + 1080 = 1161

So, oder so ähnlich hätte deine Kopfrechnung aussehen können. Henry Ford hatte daher mit seiner Aussage nicht ganz Unrecht.

Weitere Beispiele verdeutlichen, wie anstrengend es ist mit System 2 zu denken. Folgende Übung solltest du unbedingt ausprobieren. Diese Übung wird dich sehr schnell an deine kognitive Leistungsfähigkeit bringen. Bilde zunächst mehrere verschiedene vierstellige Ziffernfolgen, und schreibe jede Ziffernfolge auf eine separate Karteikarte. Lege nun eine ungeschriebene Karte oben auf den Packen. Die Aufgabe, die du ausführen sollst, heißt „Eins addieren“. Sie geht folgendermaßen.

Beginne damit einen regelmäßigen Rhythmus zu schlagen. Nimm die leere Karte weg, und lese die vier Ziffern laut vor. Warte zwei Schläge, und lese dann eine Ziffernfolge vor, in der die ursprünglichen Ziffern um eins hochgezählt werden. Wenn auf der Karte die Ziffern 5294 stehen, lautet die richtige Antwort 6305. Es ist wichtig, den Rhythmus zu halten. Wenn dir das zu einfach ist, dann probiere eine schwierigere Herausforderung und versuche es doch mal mit „Drei Addieren“.

Das „Eins addieren“ bekommt man nach etwas Übung hin, doch beim „Drei Addieren“ kam ich an meine Grenze.

Aber meine Lieblingsaufgabe aus dem Buch ist das „Schläger-Ball“ Beispiel. Es zeigt ganz deutlich wo System 1 aufhört und System 2 anfängt.

Eine der Hauptfunktionen von System 2 besteht darin, von System 1 vorgeschlagene Gedanken und Handlungen zu überwachen und zu kontrollieren. Einigen davon erlaubt es, sich direkt im Verhalten auszudrücken, während es andere unterdrückt oder modifiziert. Nehmen wir folgende einfache Denkaufgabe. Versuche nicht, sie rechnerisch zu lösen, sondern vertraue deiner Intuition.

Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?

Die erste Zahl die dir intuitiv eingefallen ist, ist wahrscheinlich 10 Cent. Klar, wie sollte es auch anders sein. Sobald du System 2 aktivierst und die Kontrollrechnung durchführst, wirst du feststellen, dass 10 Cent falsch ist. Die korrekte Antwort ist 5 Cent. Würde der Ball tatsächlich 10 Cent kosten und der Schläger ein Euro teurer sein, dann würde der Schläger 1,10 Euro kosten. Macht insgesamt 0,10 Euro + 1,10 Euro = 1,20 Euro. Richtig ist: Ball 5 Cent, Schläger 1,05 Euro.

Was lernen wir daraus? Wir sollten die erste intuitive Antwort, die uns in den Kopf schießt, immer hinterfragen und unserem System 1 nicht blind vertrauen.

Das folgende Video ist zwar schon eine alte Kamelle, aber trotzdem interessant. 

Wie oft passt das weiße Team den Basketball?

Das war nicht so schwer, aber es gibt eine Menge Menschen die das Offensichtliche übersehen.

 

„Wenn wir gut gelaunt sind, werden wir intuitiver und kreativer, aber auch weniger aufmerksam und anfälliger für logische Fehler.“

Das System 2 muss bewusst aktiviert und gesteuert werden. Auch wenn es bequem ist, sich auf System 1 zu verlassen, solltest du System 2 mehr Beachtung schenken. Nur System 2 kann schwierige Probleme, wie zum Beispiel komplexe Berechnungen, lösen. Es ist allerdings nicht möglich, System 2 ständig im Einsatz zu haben. Dies wäre viel zu anstrengend. Daher überlassen wir den Großteil der Arbeit System 1. Sobald System 1 merkt, dass etwas nicht stimmt, kommt System 2 zum Einsatz.

Zusammenfassend lässt sich System 2 mit den folgenden Merkmalen beschreiben

  • Willentliche Denken
  • Langsam
  • Selten aktiv
  • Anstrengend
  • Berechnend
  • Bewusst
  • Konzentriertes Denken
  • Logisch und rational
  • Faul

Dies war nur eine kurze Zusammenfassung aus dem ersten Teil des Buches. Ich hoffe, du konntest einen kleinen Eindruck erhalten wie das Zusammenspiel deiner beiden Denksysteme funktioniert und wie es deine Denkweise und somit deine Urteilsbildung und dein Handeln steuert.

Wenn du daran interessiert bist, zukünftig weisere Entscheidungen zu treffen und deine Art des Denkens, Urteilens und Handelns, zu optimieren, dann solltest du das Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ unbedingt lesen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.